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Martinsbräuche

Popularität im gesamten christlichen Abendland gewann Martin durch die über ihn verfassten Schriften. Die älteste und wichtigste Schrift, die „Vita S. Martini” (um 395), stammt von Sulpicius Severus (um 363 - 425), einem aquita-nischen Adligen und Freund des Heiligen. Diese Biographie wurde zum Muster christlicher Hagiographie: die Beschreibung der Nachfolge Christi durch das Beispiel des Bischof Martin. Andere Autoren setzten andere Akzente: Paulinus von Petricordia mit seiner „Vita S. Martini episcopi” (um 470), Venantius Fortunatus mit der „Vita S. Martini Turoniensis” und vor allem Gregor von Tours (538 - 594) mit „De virtutibus S. Martini”.

Die Legenden und die örtliche Verehrung des heiligen Martin strahlten in die gesamte Kirche aus: Schon bald entstanden die ersten Martinskirchen: in Rom (S. Martino ai Monti), auf dem Monte Cassino und in Linz/Donau. Bis zum Ausgang des Mittelalters sollen allein in Frankreich 3.667 Martinskirchen gezählt worden sein. Zur Besonderheit dieser Kirchen gehörte ihre Lage „extra muros” (in Deutschland: Trier, Köln, Bonn, Zülpich, Dillingen, Fürth, Bamberg, Freiburg/Br. etc.). Chlodwigs Gemahlin Chlodhilde stiftete an allen fränkischen Königshöfen Martinskirchen. Drei Päpste haben sich den Namen Martin gewählt: Martin I. (649 - 653/655), Martin IV. (1281 - 1285) und Martin V. (1417 - 1431). Päpste mit dem Namen Martin II. und Martin III. hat es nicht gegeben, denn die mittelalterlichen Papstlisten hatten durch einen Schreibfehler die Päpste Marinus I. und Marinus II. als Martin II. und Martin III. geführt.

Das Martinibrauchtum hat inhaltlich eigentlich nur in der Mantelteilung einen Bezug zu Martin. Die ungeheure Popularität des Heiligen ergibt sich aber aus Zweierlei. Zum einen bildete Sankt Martin einen neuen „bischöflichen Prototypen”, das Ideal eines Bischofs nach der Zeit der Christenverfolgung: Ein asketischer Mönchsbischof, der missionierend und predigend seine Epoche prägte und durch zeichenhafte Wunder aufrüttelte. Zum anderen bekam die Erinnerung an Sankt Martin durch die Terminierung seines Gedenktages einen nicht nachlassenden Schwung: Am Vorabend des Gedenktages, der den Beginn des Adventfastens bot, konnte man Sommer und Herbst verabschieden und die Ergebnisse der Ernte genießen. Zusätzlich war dieser Termin für den Gesindewechsel und zur Pachtzahlung seit jeher bedeutsam.

Das heutige Martinsfest hat sich aus alter Tradition entwickelt, die sich in einzelnen Gegenden bis gegen 1800 erhalten hat. In dieser Zeit feierte man das Fest zu Hause oder in einer Schenke mit Freunden durch Speis und Trank. In den Pfarrgemeinden zogen Kindergruppen auf Heischegängen. Die Martinsfeuer loderten sogar in den Stadtvierteln. Um 1900 wurde das Martinsbrauchtum neu belebt. Vom Niederrhein und Düsseldorf, wo das Martinsgedächtnis lebendig geblieben war, entstand ein neu akzentuiertes Martinsbrauchtum: Ein gemeinsamer Martinszug von Kindern mit Laternen entwickelte sich. Lieder und Gedichte bezogen sich auf den Heiligen. Festschmaus - Martinsgans oder „Düppekuchen” - und Heischegänge wurden aus alten Tagen übernommen, in denen man die Martinsminne, den neuen Wein, trank. Die Mantelteilung wurde nachgespielt, ein Martinsfeuer abgebrannt. Während des Nazi-Terrors und des Zweiten Weltkrieges endete aber dieser Traditionsstrang. Erst nach 1945 gab es einen Neubeginn: überpfarrlich, schulübergreifend, stadtteilbezogen wurden nun die Martinszüge organisiert, die - religiös und sozial orientiert - das mitmenschliche Helfen stärker in den Vordergrund rückten. Die individuellen Heischegänge einzelner wurden teilweise durch das systematische Verschenken von Martinstüten abgelöst.

Die romantische und gegen das Christentum gerichtete Annahme des letzten Jahrhunderts, im Martinibrauchtum seien germanische Brauchformen ungebrochen überliefert („Germanische Kontinuitätsprämisse”), ist heute nicht mehr akzeptabel. Martinsfeuer und Lichterumzüge der Kinder sind eben keine Überbleibsel „germanischer Feiern”. Sie nehmen die früher übliche liturgische Lichterprozession des Tages vom „fanum” in das „profanum” auf, von der Kirche in das Dorf und in die Stadt. Religiöses Brauchtum ist die andere Seite einer Münze, die auf der einen Seite von der Liturgie bestimmt wird. Wenn Brauchtum von der Liturgie getrennt wird, verrottet es mit der Zeit als bloße Folklore. Das Martinsbrauchtum beinhaltet noch immer die christliche Botschaft: Wer teilt, gewinnt. Wer sich erbarmt, der erbarmt sich Christi. Der praktizierte christliche Glaube ist wie eine Fackel in tiefer Nacht: Es wird hell und warm, Geborgenheit und Gemeinschaftsgeist entstehen. Dass die Menschen diese Botschaft über die Jahrhunderte verstanden haben, zeigt der Altar der Schneiderzunft in der Düsseldorfer Altstadtkirche Sankt Lambertus: Oben auf dem hölzernen Rahmen des Altarbildes ist der heilige Martin auf einem Pferde dargestellt, wie er so eben seinen Mantel teilt. Aber kein Bettler ist zu sehen. Die Betrachter selber müssen sich schon als die Bettler erkennen.

© Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln

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